• Menschen im Meeting mit INMUTO

INMUTO IMPULSE – Ausgabe April 2021

Selbstzugeschriebene Inkompetenz – der schmerzhafte Teil der Selbstreflexion

„Diese besorgte innere Stimme: ‚Bist du sicher, dieser Aufgabe wirklich gewachsen zu sein? Was, wenn die anderen merken, dass du gar nicht so sicher bist, wie du immer tust? Ist es nicht nur eine Frage der Zeit, bis sie deine Zweifel erkennen?‘“ Immer wieder adressieren Manager – durchaus auch solche aus dem oberen Drittel der Hierarchie – im Coaching diesen inneren Disput. Sie beschreiben dies als anstrengende innere Monologe, die ihnen Stabilität und Souveränität nehmen.

Nach etwas Analysearbeit zeigt sich häufig, dass diese Gedanken lediglich ein Symptom sind, dessen Ursachen tiefer und – bis zu diesem Moment – häufig unbewusst wirken. Versagensängste, Sorge vor Zurückweisung oder dem Verlust sozialer Anerkennung, Zweifel am eigenen Wert („Selbst-Wert“) können solche Ursachen sein, die in der Regel auf manifesten Glaubenssätzen beruhen. Meist lenken wir die Aufmerksamkeit unserer Gesprächspartner dann auf folgende Aspekte:

  • Die kritische Selbstbeurteilung beruht zunächst einmal auf einer großen Stärke: Der Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion. Allein das ist schon eine Eigenschaft, die unsere Führungswirksamkeit massiv positiv beeinflusst.
  • Dieser innere Kritiker – wer ist das eigentlich? Welche Rolle spielt diese Figur in meiner Identität und – viel wichtiger: Was ist sein Bedürfnis? Was bräuchte er, um zufrieden zu sein?
  • Wie beurteilen andere diese unsere vermeintliche Inkompetenz? Ein regulierendes Außenbild entsteht durch Rückmeldung und die kann man sich holen. Von einer beiläufigen, situationsbezogenen Nachfrage bis hin zum detaillierten, tiefen Feedback.
  • Unsere Unsicherheiten zu teilen, entspannt und justiert zugleich. Voraussetzung ist, dass wir uns einigermaßen sicher dabei fühlen. Das geht sowohl im geschützten Gespräch mit internen oder externen Vertrauten, oder auch situationsbezogen („Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht genau, was die richtige Lösung ist – aber zusammen werden wir es herausfinden“).

Oft spüren unsere GesprächspartnerInnen, dass das Erkennen und aktive Bearbeiten der eigenen Unsicherheiten keine Schwäche, sondern ein Zeichen großer Stärke ist. Eine Haltung, die enorm stabilisiert.

Mein Element liegt außerhalb meiner Komfortzone

Ist das, was ich tue, wirklich das, was ich tun will? Eine schwergewichtige Frage mit erheblichem Potential, unseren inneren Frieden herauszufordern. Sei es Zufall oder nicht – im Coaching von Führungskräften taucht sie immer häufiger auf. Bemerkenswert finden wir, welch manifeste Mechanismen selbst gestandene Führungskräfte anwenden, um sich dieser Frage NICHT zu stellen.

Und dann erreicht sie uns irgendwann doch, häufig ausgelöst durch einen äußeren – berufliche oder privaten – Anlass. Was zunächst zu der naheliegenden Folgefrage führt, wie und warum wir eigentlich sind, wo wir heute sind. Es kann eine verstörende Erkenntnis sein, dass die bisherige Karriere überwiegend Opportunitäten – und damit Zufällen folgte. Eins führte zum Anderen, wir sind offensichtlich erfolgreich und haben immer eine gute Antwort auf gelegentliche Störfragen („Macht dir das eigentlich Spaß, was du tust?“). Ja klar. Überwiegend. Meistens. Also, im wesentlichen.

Im Coaching ermutigen wir unsere GesprächspartnerInnen, tiefer in sich hinein zu blicken und den einen oder anderen Stein herum zu drehen, von dem man insgeheim schon weiß, dass einem die darunter verborgene Erkenntnis nicht gefallen wird. Um dies zu stimulieren, stellen wir unter anderem Fragen, wie:

  • Zoom mal raus: Wenn du deine Arbeit als Teil deiner Gesamtidentität betrachtest – was siehst du dann neben der Arbeit noch?
  • Tust du das, was du tust, eigentlich freiwillig? Welche (vermeintlichen) Sachzwänge schränken deine Freiwilligkeit ein?
  • Was würde sich in deinem Leben wirklich ändern, wenn du der Rolle von Arbeit eine andere Bedeutung zuweisen würdest?

Oft entsteht recht schnell ein bewussterer, neuer Blick auf die eigene Situation und die Erkenntnis, dass man es sich in seinem Weg gut eingerichtet hat. Und gleichzeitig spürt man, dass es andere Richtungen geben könnte. Impulse, die man früher unbewusst ausgeblendet oder bewusst abgetan hat, nimmt man jetzt aufmerksamer wahr. Es fühlt sich umkomfortabel an – und das ist auch gut so. Denn echte Weiterentwicklung findet immer außerhalb unserer Komfortzone statt.

Burn-out durch Home office?

Es lief eigentlich hervorragend: Die sowieso schon relativ agile Arbeitsweise des Teams schaffte den Corona-bedingten Übergang in 100% Home office ohne nennenswerte Probleme. Einige Wochen später plötzlich die ‚stressbedingte‘ Krankmeldung. Unruhe im Team und ein gefühlter Anstieg an Unzufriedenheit mit der Situation machte sich breit. Im Nachhinein wird klar: Hier wurden technisch gute Umstellungen, und frühzeitige ‚läuft doch‘ Meldungen zu oberflächlich als Erfolg interpretiert, ein näheres, tieferes Verständnis über die unerwartet große Bandbreite an individuellen Situationen aber fehlte.

Die stressbedingte Krankmeldung hatte private Gründe: Kita-Schließung, Krankheit, Kurzarbeit des Partners, Ausfall der Schwiegermutter als Kinderaufsicht aufgrund Corona Risikoklassifizierung: Wie schnell und klar eine Situation kippen kann, sieht man erst unterhalb der ‚front facing‘ Oberfläche. Zu lang wurde versucht, den Job irgendwie zu schaffen, zu wenig Dialog fand zwischen den Beteiligten im sicheren Raum statt.

Erst nachdem ein erstes, leistungsbezogenes ‚Krisengespräch‘ gescheitert war (denn die Krise war eher ein durch den Arbeitgeber wahrgenommenes Leistungsversagen der MitarbeiterIn), wurde gerade noch rechtzeitig auf die Ebene Mensch umgeschaltet: Fragen wie ‚wir machen uns Sorgen, wie können wir helfen‘ wirkten öffnend und brachten das Gespräch auf eine tiefere Ebene.

Wahrscheinlich konnte dadurch Schlimmeres verhindert werden. Gleichzeitig stieg die emotionale Bindung zum Arbeitgeber. Man darf dies gern als Krisenglück interpretieren – oder sich fragen, ob gelungene Führung am besten nicht erst auf eine Krise wartet.

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