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INMUTO IMPULSE – Ausgabe Februar 2022

Mit Vollgas in die Erschöpfung – der Leidensdruck in der Komfortzone

“Ja, mein Job ist unglaublich kräftezehrend gerade. Ich kann sie kaum noch bewältigen, die Verantwortung auf meinen Schultern, all die Bälle in der Luft. Aber das ist nur eine Phase, das wird wieder besser. Ich muss nur durchhalten. Ich denke, ich muss mich noch ein bisschen mehr anstrengen, um das zu bewältigen.” Wir hören das häufiger im Coaching. Und betrachten es als einen Wirkmechanismus irgendwo zwischen Überlebensstrategie und Komfortzone.

Wirkmechanismus deshalb, weil diese Haltung kurzfristig tatsächlich wirkt. Sie hilft uns, Energie- und Leistungsreserven zu mobilisieren, uns damit zu arrangieren, unserem Leben außerhalb der Arbeit noch mehr Aufmerksamkeit zu entziehen, körperliche Warnsignale (Schlaf! Verdauung! Zittern!) zu ignorieren. Es wirkt, aber es ist ein destruktiver Mechanismus, weil er uns davon abhält, den wesentlichsten Teil unserer Verantwortung ernst zu nehmen: Unsere Verantwortung uns selbst gegenüber. Unserer Lebensqualität, unserer inneren Stabilität und Souveränität, unserer Gesundheit.

Komfortzone deshalb, weil uns sofort jede Menge Gründe einfallen, warum wir unsere Situation vermeintlich nicht verändern können. Warum wir sie so zu ertragen haben, wie sie nun mal ist. Um es ganz klar zu sagen: In aller Regel KÖNNEN wir unser Leben sehr wohl gestalten. Wir schrecken jedoch vor den Konsequenzen zurück, die unsere Entscheidungen mit sich bringen können – das Phänomen der Negativverzerrung (siehe folgender Artikel) trägt seinen Teil dazu bei. Also im Grunde WOLLEN wir uns nicht anders entscheiden – weil von allen Optionen, die wir sehen, diejenige in der wir uns befinden, die des geringsten Übels zu sein scheint. Das Paradoxon besteht darin, dass es nicht die Umstände sind, die uns quälen, sondern das Gefühl, ihnen machtlos ausgeliefert zu sein.

Lösungsenergie kann entstehen, wenn wir uns erlauben, unsere Situation mit etwas Abstand zu betrachten. Wir zoomen gewissermaßen heraus – dadurch reduziert sich die Nähe zum und der starre Fokus auf das Problem, links und rechts davon werden weitere Elemente unserer Identität sichtbar. Wir können anfangen, uns damit zu beschäftigen, wie viel Stabilität und Lebensenergie wir aus diesen anderen Elementen ziehen. Und wie wir diesen – wenn wir es wollen – mehr Präsenz in unserem Alltag verschaffen können. Eine öffnende Frage, die häufig Überraschendes zu Tage fördert, lautet: “Anhand welcher Parameter beurteilen Sie eigentlich Ihre persönliche Lebensqualität?”.

Mit dem Rücken zur Wand – wenn scheinbar alles gegen uns läuft

Gerade in Hochbelastungssituationen drängt sich manchmal der Eindruck auf, die Welt habe sich gegen uns verschworen. Immer mehr Erwartungen werden an uns gerichtet, immer weniger fühlen wir uns diesen gewachsen. Die Chefin scheint noch ernster als sonst, Kunden und MitarbeiterInnen packen mehr und mehr Probleme auf unseren Tisch. Projekte laufen nicht wie erhofft, jedes neue Mail im Posteingang enthält eine neue Herausforderung. Zu Hause wird es auch immer anstrengender, entspannende Freizeit hatten wir zuletzt vor ein paar Monaten im Urlaub. Unsere Zuversicht, unser Optimismus schwinden von Woche zu Woche. Wir spüren, dass es so nicht weiter gehen kann – und dennoch scheuen wir uns, korrigierende Entscheidungen zu treffen.

Die Evolution hat uns darauf programmiert, vermeintliche Bedrohungen a) schneller wahrzunehmen und b) gewichtiger zu beurteilen, als positive Impulse. Im Prinzip ein wertvoller Mechanismus, wenn es darum geht, die menschliche Rasse zu erhalten: Unbekannte Früchte lieber nicht essen, große Felltiere erstmal als gefährlich einstufen, den Nachbarstamm eher als Nahrungskonkurrenten betrachten. Psychologen nennen dieses Phänomen “Negativ-Verzerrung” und haben nachgewiesen, dass unser Hirn negative Impulse fünf mal stärker gewichtet, als positive. Es liegt also ein wenig auch in unserer Natur, eher skeptisch-vorsichtig als forsch-fröhlich zu sein. Dazu kommt, dass der uns täglich umgebende Impulsteppich aus vielerlei Gründen eher negativ geprägt ist (Stichwort: Schlagzeilen erzeugen Aufmerksamkeit).

Überlassen wir die Beurteilung unserer Lebensumstände überwiegend unserem Unterbewusstsein, laufen wir schnell in die Falle der Negativ-Verzerrung. Wir nehmen es wie es kommt und kümmern uns um alles, so gut wir können. Schließlich ist es unsere Verantwortung! Beinahe unsere gesamte Energie verwenden wir darauf, uns über Wasser zu halten. Und genau darin liegt die wirkliche Bedrohung. “Unser Leben ist nichts anderes als das, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten” sagte William James (1842-1910), Mitbegründer der Psychologie. Inzwischen ist diese Aussage vielfach nachgewiesen worden, unter anderem in MRT Untersuchungen des Gehirns: Wir verstärken immer den Teil in uns, den wir beanspruchen. Anders ausgedrückt: Where attention goes, energy flows. Lassen wir diesen “Autopiloten” unreflektiert laufen, verderben wir uns nicht nur den Tag, sondern sukzessive auch unser Leben.

Sehr häufig erleben wir es bereits als erleichternd, wenn wir uns – allein oder mit etwas Unterstützung anderer – diese Wirkzusammenhänge vor Augen führen. Wenn wir erkennen und verstehen, was da in uns abläuft, statt es einfach hinzunehmen. Ein nächster konstruktiver Schritt ist, Aufmerksamkeit im Alltag dafür zu entwickeln. Uns gewissermaßen “beim Fühlen zu beobachten”, was übrigens komplizierter klingt, als es in der Praxis ist. Zugleich ist sehr hilfreich, wenn wir uns unsere Stützen und Kraftquellen, die stabilisierenden und positiven Elemente unseres Lebens häufiger bewusst vor Augen führen. Denn diese wirken – wenn wir unsere Aufmerksamkeit bewusst darauf richten – als kraftvolle Ressourcen. Mit etwas Übung gelingt das nach einiger Zeit übrigens ausgesprochen leichtfüßig – wir bemerken es kaum noch.

Der Verfasser Kurt Frehe begleitet Menschen in beruflichen Herausforderungen. Er setzt diese immer in den Kontext der gesamten Identität und stimuliert so eine ganzheitliche Selbstentwicklung seiner KlientInnen. [kontakt]

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