Konferenzraum Auditorium

Karriere-Entscheidungen sind immer auch Entscheidungen über den weiteren Lebensweg. Oft werden diese basierend auf bisherigen Erfolgen und Erfahrungen getroffen. Dabei gäbe es so viel mehr zu berücksichtigen.

Mit 29 bekam ich meinen ersten Führungsjob, mit 41 war ich Geschäftsführer bei einem internationalen Markenartikel-Hersteller. Währenddessen und danach gab es weitere Schritte, die eigentlich immer an mich heran getragen wurden: Von Kollegen, Vorgesetzten oder Head Huntern. Und jede neue Position brachte mit sich, was man sich im Laufe seiner Karriere so wünscht: Mehr Verantwortung, mehr Einfluss, mehr Mitarbeiter, höheres Einkommen. Selbstverwirklichung und soziale Akzeptanz fühlen sich gut an – also warum hätte ich hinterfragen sollen, ob das alles so richtig ist?

Wir bezeichnen diesen Mechanismus, unsere zukünftigen Pläne immer auf den Erfolgen der Vergangenheit aufzubauen, häufig als Autopilot-Effekt. Richtigerweise müsste man ihn aber eigentlich eine Komfortzone nennen. Denn wenn wir statt „anders“ nur „mehr vom Gleichen“ machen, dann ist es genau das: Wir ruhen uns auf unseren bisher bekannten Erfolgsmechanismen aus statt neue, noch unbekannte zu entwickeln.

Im Coaching, in Team- und in Organisationsentwicklungsprozessen begegnen mir immer häufiger Führungskräfte, die engagiert in ihrem Job und an ihrer Karriere arbeiten. Die dabei äußerst wirksam und erfolgreich sind. Und die trotzdem spüren, dass es so nicht endlos weiter gehen kann. Und die sich mehr und mehr die Frage stellen, wie sie die nächsten zehn, zwanzig Jahre ihres Lebens gestalten wollen. Ich beobachte dabei zwei Varianten, die diese Überlegungen auslösen:

a) ein einschneidendes Erlebnis: der Verlust eines Jobs, eine familiäre Trennung, eine negative ärztliche Diagnose
b) wachsende Unzufriedenheit: immer engerer Gestaltungsraum, ausbleibende Wertschätzung, kaum noch Raum für die eigenen Bedürfnisse, innere Leere, Erschöpfung

Geben die Betroffenen dieser Wahrnehmung, diesen Gefühlen keinen Raum, kumulieren sich diese zu einer handfeste Krise – dem negativen Höhepunkt einer Entwicklung, für die ihnen die Lösungsmöglichkeiten fehlen. Kommen wir jedoch zu diesen Themen ins Gespräch, schlage ich immer die Betrachtung zwei verschiedener Perspektiven vor:

Wer bin ich (wirklich)?

Die Frage nach dem „Wer bin ich?“ öffnet eine vollkommen andere Sicht als „Was habe ich bisher gemacht?“ oder „Was kann ich gut?“. Sie lenkt die Aufmerksamkeit unter anderem auf handlungsleitende Werte („Wofür stehe ich?“) und schließt prägende Lebensereignisse ein („Was hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin?“). In diesem Kontext ermitteln wir auch sehr präzise individuelle Handlungs- und Beurteilungspräferenzen; und zwar sowohl im Alltagsverhalten, als auch in Stress- und Überreaktionen. Schließlich – um sie nicht vollkommen zu ignorieren – bestimmen wir auch bisherige Erfolgsmuster; jedoch nicht in der Selbsteinschätzung, sondern aus der Sicht der Menschen, denen die Klienten am meisten vertrauen.

Wer will ich (wirklich) sein?

Die zweite Perspektive gleicht einer intensiven Reise in die eigene Zukunft. Die Suche richtet sich nicht auf Unternehmen oder Funktionen, sondern auf die eigene (zukünftige) Identität. Sie beantwortet die Frage, wie ich zukünftig leben will und betrachtet Karriere als Teil dieser Identität – im Kontext eines sozialen Lebens, der Gesundheit, den persönlichen Leidenschaften und einigem mehr. Die dominierende Haltung in diesem Schritt ist, welchen SINN Arbeit zukünftig stiften soll. Hier bestimmen die Klienten auch ganz konkrete Rahmenbedingungen („Wo will ich arbeiten?“, „Wie viel Zeit will ich für Arbeit aufwenden?“, „Wieviel Geld will/muss ich verdienen?“, usw.).

Aus all diesen Bausteinen – dem „Wer bin ich?“ und dem „Wer will ich sein?“ – entsteht ein neues Bild einer erstrebenswerten Zukunft. Das bedeutet keineswegs, dass man mit dieser Erkenntnis alles bisherige über Bord wirft und eine Tauchschule in Thailand eröffnet (obwohl auch das schon vorgekommen ist). Im Gegenteil – häufig entscheiden sich Klienten, zunächst auf ihrem bisherigen Weg weiter zu gehen und mit Bedacht nach einer neuen Perspektive und einem guten Zeitpunkt dafür zu suchen. Oder sie bleiben bei ihrem eingeschlagenen Weg, steuern und justieren aber sehr viel bewusster das „Warum“ und das „Wie“.

Ich selbst habe mit 50 meinen Autopiloten abgeschaltet, mich selbstständig gemacht und später zusammen mit Anna Beißner INMUTO gegründet. Meine Mitarbeiterverantwortung sank von mehreren Hundert auf Null. Und trotzdem habe ich heute den besten Job meines Lebens.

Kurt Frehe

Weitere Informationen sowie ein kurzes Video zu dem hier beschriebenen Konzept finden Sie HIER. Kurt Frehe ist Geschäftsführer der INMUTO GmbH & Co. KG. Seine Arbeitsschwerpunkte finden Sie HIER.